Donnerstag, 9. Oktober 2014

Einfach nur Geschichte


Es ist ein Wunder der Möbelfindung, ein historisches Dokument, dass einer großen Flamme entkommen ist und …. er ist mein. Geschenkt, einfach so, weil ich ihn zu schätzen wusste, den alten Kerl, weil er mehr wert war als nur ein Stuhl. Ich bin so seltsam berührt von diesen Stück deutscher Geschichte, nun eingepfercht in meinem Kleinwagen.
Die Dame, die mit mir auf den Speicher geklettert ist, ist selbst ungewöhnlich. Klein, immer lachend und zum Tratschen aufgelegt, Schlüssel verlierend und stets zu spät, mit einer unfassbaren Angst vor Hunden. Aber das mit Grund, ich hab die Bisswunden gesehen! Eine Dame in ihren Siebzigern, welterfahren, weitgereist und spießig geblieben – und charmant.
Oben, tanzender Staub, hinter zerlegten Betten, alten Wappen verzogener Untermieter und Mäusemumien steht etwas Interessantes:  Ein Stuhl aus dem Berliner Reichstag. In der Nacht des Reichstagsbrands vom Berliner Polizisten  W. rausgeholt, „mit anderen Dingen, weil, er hatte einen Wagen und konnte direkt vorfahren. Das war halt so. Als das Gebäude brannte, hat jeder geholt, was er tragen konnte.“
„Seither ist er im Besitz unserer Familie und steht auf Speichern rum. Erst Berlin, dann ist er mir hierher gefolgt."  Die Tochter der Wachtmeisters lächelt verschmitzt, hebt das Bettlaken und darunter steht er, etwas kürzere Beinchen, „wie das damals so war“, gerade Lehne, unmäßig bequem. Er hat einen Inventarstempel, aber das muss ich noch nachforschen.
Sie erzählt von ihren Dienstjahren im Deutschen Konsulat in Persien, vom Schahr, vom Umsturz und der Flucht der Diplomaten. Sie redet von den weiten  Häusern und lautlosen Dienern, die über großartige Teppiche huschen, von den Menschen im Mittleren Osten, den verschieden Mentalitäten;clever und charmant die Iraner, geschäftstüchtig die Syrer. Mein Blick schweift immer wieder zu dem Gemälde der Moschee von Isfahan. Es hängt vergessen im fast leeren Haus. Ich sehe sie zum ersten Mal bewusst, bekomme Fernweh nach den himmelblauen Mosaiken, dem Staub der Basare und den unzähligen Gerüchen. Ich bin doch sonst nicht so…
Ich weiß viel mehr, aber es gehört ihr. Männergeschichten, von Männern die Geschichte schrieben und Traurigkeit, weil eininge es nicht konnten.
 „Ach, die Munitionskisten, die sind noch von meinem verstobenen ersten Mann, aus der Zeit als wir den Iranern noch Waffen geliefert haben. Die Dinger sind mit unseren Sachen aus Teheran gekommen. Jetzt stehen sie hier rum. Morgen kommt der Sperrmüll ...“ Erst will ich eine, dann - sie trennen, ach, sie haben so viel zusammen erlebt.
Ich kann nicht anders, als ihnen ein zu Hause zu geben. Nicht, weil sie Munitionskisten sind, sie sind hübsch auf ihre Weise, und riesig, aber weitgereist und aus Holz und wie mein großer Schrankkoffer von 1920 einfach Geschichte.
Einfach nur Geschichte.

1 Kommentar: